|
16. November 2006
In Berlin will der Salesianerorden mit
Auftritten im Zirkus jugendliche Arbeitslose von den
Strassen holen. Das Programm namens «Manege»
versucht, den jungen Menschen Erfolgserlebnisse zu
vermitteln und sie zur Selbstverantwortung zu
erziehen.
Kevin Reinicke will
endlich wieder arbeiten. Zwei Jahre
Ausbildung als Lackierer hatte der 20 Jahre
alte Berliner hinter sich. Dann wurde ihm
gekündigt. Das war vor einem Jahr. Seitdem
ist der junge Mann mit den kurzen
Stoppelhaaren arbeitslos und lebt von
Hartz-IV-Geldern. Grosse Sprünge kann Kevin
nicht machen. Wenn seine Freunde gemeinsam
losziehen, kann er sich das nicht leisten.
Dann sitzt er in seiner Wohnung. Einsam sei
er dort, sagt Kevin. Die Zeit laufe so vor
sich hin. Jetzt habe er zumindest wieder
einen geregelten Tagesablauf.
Eigenverantwortung
Seit zwei Monaten ist Kevin nämlich beim
Projekt «Manege» der Salesianer Don Boscos.
Der katholische Orden zählt in Deutschland
rund 350 Mitglieder. Weltweit sind es etwa
16 000 Brüder und Patres, die sich um Kinder
und Jugendliche kümmern und ihnen zu einem
eigenverantworteten Leben verhelfen. Mit
«Manege» haben die Salesianer Don Boscos der
Jugendarbeitslosigkeit den Kampf angesagt.
Nur wenige Meter von der S-Bahn-Station
Raoul-Wallenberg-Strasse entfernt begleiten
die Salesianer 28 junge Männer und Frauen im
Alter zwischen 17 und 24 Jahren bei deren
Einstieg in das Berufsleben als Tischler,
Maler oder Schlosser. Für viele der
Jugendlichen ist die Arbeitslosigkeit ein
Problem unter vielen. Oft haben sie
Schulden, die ihnen über den Kopf gewachsen
sind. Viele der jungen Frauen haben Kinder
oder sind gerade schwanger.
Neben Berufserfahrung gibt es bei «Manege»
auch Selbstvertrauen. Das macht das
Zirkustraining. Zweimal pro Woche üben sie
Jonglieren oder Akrobatik. Sie trainieren
beim Kinderzirkus Cabuwazi, der nebenan ein
Zirkuszelt aufgebaut hat. 1994 eröffnete der
Kinderzirkus sein erstes Zirkuszelt in der
deutschen Hauptstadt.
Am Trapez oder auf den
Bodenmatten sind die Kinder und Jugendlichen, die
dort üben, genauso Meister wie beim Jonglieren oder
auf dem Seil. Wo am Nachmittag die Kinder von
Cabuwazi trainieren, üben am Vormittag die jungen
Männer und Frauen von «Manege». Steht das Programm,
folgt der Auftritt.
Der Applaus als Lohn
Kevin Reinicke gibt den kleinen Dumbatz. Was er auch
anstellt mit seinem Diabolo, es darf ihm so richtig
nicht gelingen.
Zumindest muss es so aussehen. Das gehört zur Show
des Zirkus. Dann ist das Gelächter besonders groß,
die Buben und Mädchen im Publikum freuen sich.
«Es ist einfach schön, wenn es den Kindern gefällt»,
sagt Kevin. Der Applaus ist sein Lohn. Eine
sogenannte Maßnahme der Agentur für Arbeit hat Kevin
zu «Manege» gebracht. Beschäftigungstherapie nennt
er das schnoddrig und ist doch froh, dass er hier
jemanden hat, der an ihn glaubt. Vier Monate hat
Kevin noch Zeit, sich wieder an das Arbeitsleben zu
gewöhnen, praktische Erfahrungen zu sammeln und
einen Ausbildungsplatz zu finden. Die Salesianer Don
Boscos helfen ihm dabei.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen, damit das
klappt, ist Pünktlichkeit. Was so selbstverständlich
klingt, hat Kevin große Probleme bereitet.
Dass er um 7 Uhr 30 im Projekt
sein sollte, wollte er in den ersten beiden Wochen
nicht wahrhaben.
Kevin kam, wann es ihm passte. Ein klärendes
Gespräch mit dem Salesianerbruder Rolf Amrouche hat
das Problem gelöst.
Jeder Fünfte ohne Job
Ganz im Sinne des Ordensgründers Don Bosco haben
die Salesianer das Projekt «Manege» dort
angesiedelt, wo es am dringendsten gebraucht wird,
im Ostberliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorf.
Plattenbauten säumen hier die Strassen. Die DDR hat
in Marzahn überlebt. Ostalgiker, die der
Vergangenheit nachtrauern, haben Konjunktur, rechtes
Gedankengut ebenfalls. Rund 250.000 Einwohner zählt
der Stadtteil. Die Arbeitslosenquote liegt bei 20
Prozent.
«Wir gehören dazu», sagt Sylvia Fischer. «Stolz bin
ich nicht darauf», schickt die zierliche Frau mit
den pechschwarzen Haaren nach einer kurzen Pause
hinterher.
Sylvia, 20 Jahre alt, arbeitslos, wohnungslos.
Zurzeit ist sie bei einer Jugendlichen aus dem
Projekt und deren Großmutter untergekommen. Um eine
Wohnung zu erhalten, muss Sylvia Formulare
ausfüllen. Das überfordert sie. Eine Mitarbeiterin
von «Manege» hilft ihr dabei. Und dann hat Sylvia
noch ein anderes Problem: Mathematik. Selbst die
einfachsten Rechnungen werden für sie zur
Herausforderung. Damit der Einstieg in die
Berufsschule klappt, bekommt die 20-Jährige im
Projekt Nachhilfe. Jetzt muss nur noch ein
Ausbildungsbetrieb gefunden werden.
Auf den hofft auch Kevin. «Wenn ich mich im
Praktikum nicht zu doof anstelle, mit den Kollegen
klarkomme und immer pünktlich bin, dann klappt das
mit der Stelle», ist sich Kevin Reinicke sicher. Er
schaut zuversichtlich in die Zukunft. In zehn Jahren
will er den Meisterbrief in der Tasche haben.
[*] Die Autorin ist freie Journalistin in München
und Berlin |